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Marburg, den 29. März 1865.

Zu No. 10. und 11. P. O. P.

Im Namen der philosophischen Facultät übersende ich Ihnen anbei eine Bekanntmachung mit der Bitte, dieselbe, da wir bei Ihnen ein lebhaftes Interesse für die Sache selbst voraussetzen dürfen, in Ihrem Archiv der Pharmacie gefälligst aufzunehmen.
Der Dekan der philosophischen Facultät.
Z w e n g e r.



An

Herrn Medicinalrath Dr. Bley, Redacteur
des Archivs für Pharmacie in Bernburg.


B e k a n n t m a c h u n g

der
philosophischen Facultät zu Marburg.

____


Schon wiederholt sind wir in der Lage gewesen, die Namen derjenigen, welche sich durch abgeschriebene Dissertationen auf betrügerische Weise die Doctorwürde zu erschleichen versuchten, der Oeffentlichkeit zu übergeben. Auch in jüngster Zeit sind, trotz unserer bekannten Strenge, wieder zwei derartige Fälle vorgekommen. Es hat nämlich

W. Hildwein, mag. pharm. aus Prag,

seine bei uns eingereichte Dissertation „De theoriis electrochemicam antecedentibus nonnulla” beinahe wörtlich aus der gleich betitelten Dissertation des Dr. F. A. M a r q u i d o r f, die im Jahre 1843 in Halle erschienen ist, abgeschrieben, und der

Apotheker A. Josten aus Siegburg

die bekannte Schrift F. M ü l l e r's „Für Darwin” zu einem wörtlichen oder fast wörtlichen Auszuge für seine Dissertation benutzt.
Zur Strafe für die Betreffenden und zum warnenden Beispiel für Andere werden diese zwei Betrugsversuche hiermit zur öffentlichen Kenntniss gebracht.
Marburg, den 27. März 1865.

Z w e n g e r, z. Decan.


Plagiatsquellen:


Anmerkungen:

  1. Durch Recherche im "Hessischen Archiv-Dokumentations- und Informations-System" (HADIS) lässt sich im Bestand des Marburger Universitätsarchivs ermitteln:
    => UniA Marburg abt. 307 d 102 I – Dekanatsakten allgemein und Verhandlungen der Fakultät 1865 (Band 1),
    zu dessen Inhalt es in der Beschreibung u.a. heißt:
    1. "Promotionsakte Wenzel Hildwein aus Prag, geb. 1840, Diss. abgelehnt (als Betrugsversuch gewertet, da größtenteils abgeschrieben), mit handschriftlicher Abhandlung sowie Zeitungsausschnitten zu diesem Fall und dem nachfolgenden"
    2. "Promotionsakte Aloys Wilhelm Josten aus Raesfeld (Kreis Borken, Westfalen) bzw. Siegburg, geb. 16. Januar 1830, Diss. abgelehnt (ebenfalls als versuchter Betrug gewertet, da größtenteils abgeschrieben), mit handschriftlicher Abhandlung sowie Zeitungsausschnitten zu diesem Fall und dem vorigen".
  2. Anscheinend wurden die Plagiate während der Prüfung der eingereichten Arbeiten festgestellt, eine Publikation der Dissertationen war zum Zeitpunkt der Bekanntmachung noch nicht erfolgt (und ist auch für spätere Zeiten – zumindest via KVK und GV feststellbar – nicht belegt).
  3. Zur Datierung der Arbeiten und der Entdeckung der Plagiate, zu den jeweiligen Befunden und zur weiteren Rekonstruktion dieser Plagiatsfälle wäre eine Einsichtnahme in die o.g. Promotionsakten erforderlich.
  4. Es handelte sich der Bekanntmachung nach weder um die ersten Fälle aufgedeckter Plagiatspraktiken in eingereichten Dissertationen noch um die erste Reaktion dieser Art seitens der Universität Marburg.
  5. Die plagiatorische Vorgehensweise der beiden Doktoranden wurde (weder als "Fehler", "Fehltritt" oder "Schwäche" angesehen, sondern) explizit als "Betrugsversuch" gewertet.
  6. Die Veröffentlichung ("Im Namen der philosophischen Facultät") war ausdrücklich als "Strafe für die Betreffenden" in Verbindung mit einer erhofften Abschreckungswirkung ("zum warnenden Beispiel für Andere") intendiert.
  7. Wissenschaftskulturhistorisch interessant erscheint auch, dass der Marburger Dekan Constantin Zwenger (1814-1885), die von ihm hier repräsentierte philosophische Fakultät, und der Redakteur der Fachzeitschrift Ludwig Franz Bley (1801-1868) eine rasche öffentliche Bekanntmachung dieses wissenschaftlichen Fehlverhaltens als legitime Reaktion erachteten. Der Dekan sah bei der Zeitschrift und ihren Lesern ein "lebhaftes Interesse für die Sache selbst" als gegeben an.
  8. Die Veröffentlichung scheint beiden Betroffenen – den online verfügbaren Indizien nach zu vermuten – eher nicht geschadet zu haben:
    1. Wenzel Hildwein (1840-[1900?]) trat – meist als "W. Hildwein" – mindestens zwischen 1867 und den 1880er Jahren mit Experimentalberichten und anderen Beiträgen zu pharmazeutischen, chemischen und medizintechnischen Themen in entsprechenden Fachblättern publizistisch in Erscheinung (z.B. [1], [2], [3], [4]). In der "Leipziger populären Zeitschrift für Homöopathie" war 1871 von ihm als dem "bekannten pharmaceutischen Schriftsteller und Chemiker W. Hildwein" die Rede, in der "Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege" als "Vereinschemiker Dr. W. Hildwein". Zwischen 1882 und 1884 gab er in Wien ein halbmonatlich erscheinendes "Central-Organ für Chemiker, Apotheker, Droguen-, Farbwaaren- und Vegetabilien-Handlungen, Maschinen-Fabrikanten etc. Oesterreich-Ungarns" heraus (GV 1700-1910, Bd. 61, S. 259).
    2. Aloys Wilhelm Josten (1830-?) war mindestens in den 1870er und 1880er Jahren Inhaber einer "Mineralwasserfabrik und Destillerie" in Aachen. Auch bei Henri Léonard Bordier: L'Allemagne aux Tuileries de 1850 à 1870. Collection de documents tirés du cabinet de l'empereur (Paris 1872) findet er Erwähnung "(Josten (Aloys Wilh.), fabricant d'eaux minérales à Aix-la-Chapelle"). Das "Adressbuch für Aachen und Burtscheid" weist ihn 1877 und 1887 jeweils mit Doktorgrad aus.
  9. Noch unklar:
    1. "Zu No. 10. und 11. P. O. P." – Bedeutung/Bezug dieses Vermerks am Anfang?
    2. "Schon wiederholt sind wir in der Lage gewesen, die Namen derjenigen, welche sich durch abgeschriebene Dissertationen auf betrügerische Weise die Doctorwürde zu erschleichen versuchten, der Oeffentlichkeit zu übergeben." – Unklar, auf wieviele und welche Marburger Doktoranden sich diese Aussage bezog.
    3. Einige Quellen (s.o.) legen nahe, dass Hildwein und Josten später noch einen Doktorgrad erwarben (oder er ihnen zugesprochen bzw. "selbst zugelegt" wurde). Via KVK und im GV ließen sich freilich keine veröffentlichten Dissertationen ermitteln.

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