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Einige Bemerkungen über die medicinischen Dissertationen und Rüge eines Plagiats. Auf den meisten deutschen Akademien hat man bis jetzt noch die Sitte beybehalten, daß ein Jeder, welcher die medicinische Doktorwürde erlangen will, eine Dissertation schreiben und vertheidigen, oder wenigstens drucken lassen muß; nur auf den österreichischen Akademien ist dieses, so viel ich weiß, abgeschafft, und dagegen der clinische Cursus eingeführt. Sollte es nicht vortheilhaft sein, wenn man auch auf andern Akademien diesem Beyspiele folgte, da die Dissertationen, so wie sie jetzt betrieben werden, ganz und gar nicht dazu geeignet

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sind, die Kenntnisse eines jungen Mannes zu dokumentieren. Wir wollen sehen, wie es gewöhnlich bey diesen Dissertationen hergeht. – Die Dissertation wird gemeiniglich von einem Professor oder einem guten Freunde geschrieben, oder es wird vielleicht gar eine alte Dissertation wörtlich abgeschrieben, wovon mir erst kürzlich ein Beyspiel in die Hände fiel, welches ich zum Beweise des Gesagten den Lesern vorlegen will. In den Jahren [sic] 1790 erschien zu Halle eine Dissertation unter dem Titel: Class Dissertatio inauguralis medica cardialgiae naturam ac medelam sistens, und wenige Jahre nachher wird dieselbe Dissert. an demselben Orte dem Publikum von einem andern med. Kand. übergeben unter dem Titel: Iung Diss. inauguralis medica de cardialgia. Einige §§., welche ich anführen will, werden dieses merkwürdige Plagiat hinlänglich darthun. Nun folgen einige §§. aus beyden Diss. auf folgende Weise gedruckt. Class Sect. I. Descriptio. § 1. Inter illos diuturnos ac dolorificos morbos etc. – Iung Sect. I. Cardialgiae Definitio. §. Inter diuturnos ac dolorificos morbos etc. – So stimmen diese beyden Dissertationen durchgängig fast wörtlich überein. Wodurch soll man sich aber gegen eine solche Hintergehung schützen; ich kenne kein Mittel. Das einzige wäre, ein jeder Professor, welcher Dissertationen zur Durchsicht bekommt, müßte alle Dissertationen kennen, welche über den Gegenstand erschienen sind, von dem derjenige handelt, dessen Dissert. er zur Durchsicht hat; dieses ist aber gar nicht möglich. Man kann daher keinem Professor das geringste Versehen zur Last legen, welcher auf eine solche Weise hintergangen worden ist. Wenn nun der Kand. eine Dissert. gekauft oder abgeschrieben hat, die öfters so schlecht ausfällt, daß sie des Druckes auf keine Weise werth gehalten werden kann; so nehmen die Unterredungen mit den Opponenten schon ihren Anfang, es wird alles weitläuftig und genau verabredet, aufgeschrieben, auswendig gelernt, und bey dem öffentlichen Aktus wie bei einem Schauspiele hergesagt, oder was einen noch unangenehmern Eindruck macht – abgelesen. Wenn man diese wahre Geschichte der meisten Dissertationen einiger Aufmerksamkeit würdiget, so wird man gewiß mit mir übereinstimmen, daß diese Handlung, so wie sie jetzt betrieben wird, nicht den geringsten Nutzen habe, sondern wegen des Zeitverlustes, wegen der Vernachläßigung anderer Prüfungen, durch welche man die Fähigkeiten und

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Kenntnisse eines jungen Mannes besser erkennen könnte, auch höchst nachtheilig sey. Besser möchte es daher wohl seyn, wenn man von dieser alten Gewohnheit abginge, und dagegen eine nützlichere Prüfung einführte. Es sey mir nun nur noch erlaubt, mit wenigen Worten zu bemerken, welche Art von Prüfung junge Aerzte noch meiner Meinung die zweckmäßigste seyn möchte. 1.) Würde ein Examen von 2–3 Stunden nur über den theoretischen Thel der Heilkunde gehalten. 2.) Ein eben so lange dauerndes Examen über den praktischen Theil. 3.) Müßte der Kand. in einem Hospitale oder einer klinischen Anstalt 2–3 Kranke 4 Wochen lang behandeln, die Krankengeschichte gehörig ausarbeiten, und mit Bemerkungen über die Krankheit begleitet der Fakultät übergeben. 4.) In einem verschlossenen Fakultätszimmer über 4–6 von der Fakultät bestimmte Theses deutsche Ausarbeitungen liefern, über welche dann jedes Mitglied der Fakultät sein Urtheil fällt. Auf diese Weise würde man sicher Arbeiten von dem Kand. erhalten; man würde den Zweck der Prüfung, mit den Fähigkeiten und Kenntnissen desselben genau bekannt zu werden, erreichen; man würde erkennen, ob er im Stande sey, seine Gedanken gehörig klar und gut geordnet vorzulegen, was auf keine Weise durch die gewöhnlichen Dissertationen erreicht wird. Man würde durch die Behandlung der Kranken erkennen, ob der Kand. zu dem Geschäfte fähig sey, zu dessen Ausübung er nun das Recht erhalten soll. – Recht sehr würde es mich freuen, wenn man auf diese Vorschläge einige Rücksicht nehmen wollte, wenn ich dadurch wenigstens etwas dazu beygetragen hätte, eine Sitte abzuschaffen, welche man wirklich in den meisten Fällen nur einen scheingelehrten Aktus nennen kann, durch welche gar nichts Gutes erreicht wird, und die für unser Zeitalter nicht mehr paßt.

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Dissertationen:


Anmerkungen:

  1. Die Zeitschrift erschien zwischen 1790 und 1864 (1805 mit dem Erscheinungsort Salzburg).
  2. Zu ihr und ihrem Herausgeber Johann Jakob Hartenkeil (1761-1808) heißt es in dessen Wikipedia-Personenartikel: "Überregionale Bedeutung erlangte er als Herausgeber der 'Medicinisch-chirurgischen Zeitung', einer der damals führenden medizinischen Fachzeitschriften im deutschen Sprachraum. [...] Die Zeitschrift war im Abonnement im gesamten deutschen Sprachraum erhältlich und hatte bisweilen eine Auflage von 2000-2500 Stück."
  3. Der anonym bleiben wollende Verfasser weist beispielhaft auf eine komplett plagiierte Dissertation hin und schildert diese Art des Zustandekommens als Teil der damals "gewöhnlichen" Praxis (neben der Anfertigung "gemeiniglich von einem Professor oder einem guten Freunde").
  4. Er charakterisiert diese Praxis als "Sitte [...] welche man wirklich in den meisten Fällen nur einen scheingelehrten Aktus nennen kann, durch welche gar nichts Gutes erreicht wird, und die für unser Zeitalter nicht mehr paßt."
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