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[...] Um es kurz zu sagen, die gegenwärtige Stellung der Facultätsprüfungen und der Doctorpromotionen ist eine ganz unhaltbare geworden, die Prüfungen sind ein Pleonasmus, der Doctortitel ein nichtssagendes Wort und die Promotion eine Lüge [...]

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[...] Mir scheint es, man darf die Hoffnung nicht aufgeben, den medicinischen Doctortitel, so tief er auch gesunken ist, wieder zu Ehren zu bringen, wenn man es nur richtig und consequent anfängt. Man muss den Titel wieder zu einem Zeichen wahrer Wissenschaftlichkeit und Gelehrsamkeit machen und um dies zu können, ihn nicht von jedem praktischen Arzt fordern. Er soll für die besten unter den Aerzten eine Auszeichnung sein, deren Erwerbung überdies in ihr Belieben gestellt ist; fordern soll man ihn nur von denen, welche die akademische Laufbahn einschlagen. [...]

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[...] Was ist denn, um von der öffentlichen Disputation gar nicht zu reden, eine heutige Inauguraldissertation meistentheils anderes, als die Uebersetzung eines Abschnitts aus irgend einem medicinischen Schriftsteller, oft sogar als Stylprobe von Candidaten der Philologie, allenfalls verbrämt mit einer oder einem Paar "interessanten Beobachtungen," welche dem Verfasser nicht angehören. Der Mühe einer litera-

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rischen Arbeit, auf welche der Verfasser wirkliche Eigenthumsrechte hat, unterziehen sich Wenige; aber man ist noch viel weiter gegangen und hat die Dissertation als eine so gleichgiltige Sache behandelt, dass man keinen Anstand genommen hat, eine fremde Dissertation unter seinem eignen Namen wieder abdrucken zu lassen. Ich besitze die Dissertation des Dr. Mac Caldin de hydrope ovarii, welche in Berlin 1836 erschienen und ein wörtlicher Abdruck der in Halle 1835 herausgekommenen Dissertation des Dr. Menzel de hydrope ovariorum, nur mit einigen Auslassungen ist. Und auf solche Arbeiten hin sollen die Facultäten die Doctorwürde an Diejenigen verleihen, welche sich das Recht darauf durch die Ablegung der Staatsprüfung erworben haben! Nur die Facultäten als solche haben das Recht zur Verleihung der Doctorwürde und wenn ihnen allen das Recht zur Approbationsprüfung der praktischen Aerzte wieder gegeben würde, so würde die Verleihung des Doctordiploms davon immer getrennt bleiben müssen, denn die Approbation bezeichnet die Befähigung zur ärztlichen Praxis und das Doctordiplom soll die ärztliche Wissenschaftlichkeit und Gelehrsamkeit bekunden; ja ich muss noch weiter gehn und behaupten, dass die Bewerbung um die Doctorwürde gar nicht die Approbation zur ärztlichen Praxis voraussetzt, da sich sehr wohl Jemand auf eine wissenschaftliche und gelehrte Weise mit der Medicin beschäftigen, diese auch in ihrer praktischen Seite kennen gelernt haben kann, ohne das Recht zur Praxis nöthig zu haben, wie das ja auch die medicinischen Doctordiplome beweisen, welche honoris causa und zwar mit vollstem Recht an Personen verliehen worden sind, welchen die Ausübung der Arzneikunst immer fern gelegen hat.

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Die Leistungen, welche die Facultät zu beanspruchen hat, müssen andere sein, als die jetzigen. Nicht ein Tentamen und Examen rigorosum, in welchen die Anfangsgründe der Medicin abgefragt werden, nicht eine Dissertation, welche oft für eine Schülerarbeit zu schlecht ist, nicht eine auswendig gelernte Disputation mit Stichwörtern. Was gefordert werden muss, das ist eine selbstständige schriftliche Arbeit, ein Colloquium mit der Facultät über dieselbe und eine öffentliche Vertheidigung derselben. Die erstere, die Dissertation, über ein selbst gewähltes Thema, soll nicht blos den Beweis der Fähigkeit liefern, über einen wissenschaftlichen Gegenstand einen Aufsatz zu schreiben, sondern sie soll einen wissenschaftlichen Werth haben, der ihre Veröffentlichung durch den Druck rechtfertigt. Sie wird zunächst von dem Professor, zu dessen Bereich der bearbeitete Gegenstand gehört, motivirt beurtheilt und dann den übrigen Facultätsgliedern ebenfalls zur Kritik mitgetheilt, worauf die Facultät über den Werth und die Zulänglichkeit der Arbeit einen Beschluss fasst. Demnächst hält die Facultät mit dem Aspiranten ein Colloquium über den Gegenstand der Dissertation, ohne aber streng an diesen gebunden zu sein, um die Ueberzeugung zu gewinnen, dass die Arbeit wirklich von dem Aspiranten selbst herrührt, und um sich auch wohl sonst noch über die Qualification desselben zu unterrichten. Endlich eine öffentliche Vertheidigung der Dissertation und ihr angehängter Thesen, aber nicht blos gegen selbstgewählte Opponenten, sondern es wird Seitens der Facultät dem Doctorandus ein ihm vorher nicht bekannt zu gebender Opponent, am besten ein Mitglied der Facultät selbst bestellt und die Disputation wird nicht wie jetzt als

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Schlussdecoration eines beendeten Dramas betrachtet, sondern sie muss in einer, die Facultät befriedigenden Weise ausgefallen sein, wenn die Promotion erfolgen soll. [...]

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Endlich wird sich mit der veränderten Stellung der Promotion wieder eine Scheidung bilden zwischen promovirten und nicht promovirten Aerzten, aber sie wird eine andere sein, als die jetzige; die Promovirten werden die selteneren, der Doctortitel wird auf Einzelne beschränkt sein, und der Gebrauch, diesen Titel promiscue für Jeden zu verwenden, der bei Kranken, Menschen oder Vieh, mit dem Aderlassschnäpper oder dem Amputationsmesser, Behufs der Entzifferung einer Krankheit oder des Pflasterstreichens zu thun hat, dieser Gebrauch wird, wenn auch erst nach vielen Jahren aufhören, so gut, wie man nicht jeden Pfarrer zum Doctor der Theologie, und nicht jeden Advocaten zum Doctor juris stempelt. [...]


Dissertationen:


Anmerkungen:

  1. Die drei Denkschriften haben als Überschriften:
    1. "Propädeutische Prüfung, [S. 1-12] – Doctortitel [S. 12-34]" (S. 1-34)
    2. "Decentralisation der Staatsprüfungen" (S. 35-68)
    3. "Bildung clinischer Lehrer" (S. 69-86)
  2. Der unbekannte Verfasser schreibt über sich, dass er "zu den älteren akademischen Lehrern" und einer medizinischen Fakultät in Preußen – jedoch nicht in Berlin – angehört (S. IV). Die Anonymität begründet er damit, dass sein Name "für die Sache selbst ganz gleichgiltig" sei.

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