FANDOM



  • Eduard Hoffmann-Krayer: Annullierung eines Doktordiploms, in: Jahresverzeichnis der Schweizerischen Hochschulschriften 1912-1913, Basel 1913, unpag. Seite [vor S. 1]
  • Digitalisat



Annullierung eines Doktordiploms.

Ingenieur André Haas, geboren am 7. Juli 1885 zu Mülhausen i/Els. und zur Zeit wohnhaft daselbst, hatte nach am 14. Juli 1910 bestandenem mündlichem Examen mit Nationalökonomie als Hauptfach und nach Ablieferung seiner Dissertation am 15. Juli 1913 von der philosophischen Fakultät der Universität Basel den Titel eines Doktors der Philosophie empfangen. Von seiner Dissertation, betitelt "Entwicklungsfragen der Wasserwirtschaft in Frankreich und Deutschland, insbesondere im Elsaß" hatte Herr Haas schriftlich an Eidesstatt erklärt, daß sie ohne fremde Beihülfe angefertigt worden sei. Da es sich nun nachträglich herausgestellt hat, daß besagte Dissertation sich in den wesentlichsten Teilen als wörtlichen Abdruck aus der Schrift von Th. Rehbock "Der wirtschaftliche Wert der binnenländischen Wasserkräfte unter besonderer Berücksichtigung des Großherzogtums Baden (Programm der Großh. Technischen Hochschule zu Karlsruhe 1906/7)" ohne Quellenangabe im Text darstellt und sich somit als Plagiat qualifiziert, Herr Haas sich also entgegen seiner eidlichen Versicherung unerlaubter Mittel zur Erlangung der Doktorwürde bedient hat, erklärt die unterzeichnete Fakultät das an obigem Datum ausgestellte Diplom für null und nichtig und bittet von dieser Erklärung Kenntnis nehmen zu wollen.

Basel, den 18. November 1913.
Die Philosophische Fakultät der
Universität Basel
E. Hoffmann-Krayer, Dekan.


Dissertation:

Angegebene Plagiatsquelle:

Weitere Plagiatsquellen (2012/13 ermittelt):


Anmerkungen:

  • Zur Arbeit:
  1. Die Dissertation hat folgende Gliederung (die Zahlen der Textseiten verstehen sich abzgl. jeweils einer Abschnittstitelseite und einer folgenden Leerseite):
    1. Teil I: Geschichtliche Entwickelung [sic] der wirtschaftlichen Ausnützung der Wasserkräfte (S. 3-43; ca. 16,5 Textseiten).
      Aufgrund von 23 Abbildungen (davon 21 ganzseitigen!) hat dieser Teil einen reinen Textanteil von ca. 16,5 Seiten (darin ein ca. 4 Seiten [!] langes Zitat eines Textes von 1707).
      Bei den Abbildungen (mit Quellenangabe) handelt es sich um Reproduktionen von Wassermühlen aus Werken früherer Jahrhunderte, ein weitere inhaltliche Auseinandersetzung damit unterbleibt jedoch, sie wirken primär volumengenerierend-illustrativ.
    2. Teil II: Die technische Ausbildung der Wasserwirtschaft (S. 45-57; 10,5 Textseiten)
    3. Teil III: Die Menge der verfügbaren Wasserkräfte (S. 59-64; 3,5 Textseiten)
    4. Teil IV: Der Wettbewerb von Wasser- und Wärmekraftanlage und seine Wirkung (S. 65-71; 4,5 Textseiten)
    5. Anhang I: Berechnung der Rohwasserkräfte der Erde (S. 73-76; 1,5 Textseiten)
    6. Anhang II: Berechnung der Rohwasserkräfte des Deutschen Reiches (S. 77-76; 4 Textseiten)
  2. Die 79 Seiten des Haupttextes (inkl. 2 kurzen Anhangteilen) enthalten also abzüglich Abschnittsttitel- und Leerseiten sowie der Abbildungen ca. 40,5 Textseiten.
  3. Das Literaturverzeichnis (S. 83-88) enthält 89 Titel, von denen aber nur 9 in der Arbeit referenziert werden.
  4. In insgesamt 19 Fußnoten werden lediglich 17 Quellen angegeben (von denen 8 im Literaturverzeichnis nicht nachgewiesen sind).
  5. Außer im Literaturverzeichnis wird die Quelle Rehbock an keiner Stelle im Text erwähnt.
  6. Bemerkenswert erscheint auch, dass, obwohl der Titel Erkenntnisse aus dem Elsaß verspricht, dieses Gebiet außer beim Titel lediglich in der Vita (S. 91) des Verfassers Erwähnung findet.
  7. Der Titelseite nach erfolgte der Druck 1912 in Mülhausen/Elsaß; abgeliefert wurde die Druckfassung am 15.07.1913.
  8. Auf Seite 2 findet sich oben der Vermerk:
    "Genehmigt von der philosophisch-historischen Abteilung der philosophischen Fakultät auf Antrag der Herren Professoren Dr. St. Bauer und Dr. Th. Kozak. / Basel, den 6. Juli 1910 / Prof. Dr. A. Hagenbach / Dekan."
    und am Fuß der Seite heißt es:
    "Die vorliegende Dissertation bildet einen Teil einer grösseren unter dem gleichen Titel vorbereiteten Schrift."
  • Zum Verfasser:
  1. In seiner Vita (S. [91]) gibt der Verfasser u.a. an:
    – 07.07.1885 in Mülhausen geboren
    – 1903 Abitur
    – Bauingenieursstudium an der TH Karlsruhe ("welcher Anstalt ich 14 Semester [= 1903-1910] teils als Studierender, teils als Volontär-Assistent des Herrn Oberbaurat Professor Th. Rehbock im Flussbaulaboratorium angehörte")
    – 1906 Vorprüfung der Abteilung für Ingenierwesen
    – Besuch von Vorlesungen und Übungen u.a. bei den Professoren Baumeister, Engesser, Haid, Rehbock, Teichmüller und von Zwiedeneck-Südenhorst
  2. Als Stationen seiner beruflichen Tätigkeit als Ingenieur führt er auf: Beschäftigung
    – beim Bauamt der Stadt Mülhausen
    – danach bei einer am Bau der Largtalbahn beteiligten elsässischen Firma
    – ab Oktober 1910 bei der Fa. Philipp Holzmann in Frankfurt (technisches Büro für den Bau der Bagdadbahn)
    – ab April 1912 in der Verwaltung der Kaliwerke Sankt Therese in Mülhausen.
  3. Zu seinem Motiv für die Promotion schreibt er:
    "Der Wunsch, die wirtschaftlichen Seiten der ingenieur-technischen Aufgaben kennen zu lernen, bewog mich, das Doktor-Examen an einer Universität zu erwerben. Ich liess mich daher während 3 Semester an der philosophischen Fakultät (philologisch-historische Abteilung) der Universität Basel immatrikulieren und besuchte die Vorlesungen und Uebungen der Herren Professoren Bauer, von Frisch, Hecht und Kozak."
  4. Die Seite [90] vor der Vita enthält folgende Danksagung:
    "Als angenehme Pflicht betrachte ich es, meinem hochverehrten Lehrer Herrn Prof. Dr. Stephan Bauer für seine freundlichen Ratschläge und stets wohlwollende Beihilfe zur Durchführung meiner Arbeit meinen allerherzlichsten Dank auszusprechen. / Mülhausen i. E. / André Haas."
  5. Mit der Nachricht über die Aberkennung im November 1913 verliert sich die (online recherchierbare) Spur des Verfassers. Eine weitere Publikation oder erneute Promotion ist (zumindest via KVK) nicht festellbar. Etwaige Folgen der Aberkennung für seine berufliche oder gesellschaftliche Stellung sind ebenfalls unbekannt.
  • Zu den Gutachtern:
  1. Bei den Referenten handelte es sich um:
    1. Stephan Bauer (1865-1934): ab 1899 außerordentlicher Professor für Nationalökonomie an der Universität Basel, einer der international führenden Sozialpolitiker seiner Zeit, 1901-1918 Generalsekretär der "Internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz" und Direktor des "Internationalen Arbeitsamtes", Mitbegründer der "Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte".
    2. Theophil Kozak (1852-1913): ab 1890 Professor für Nationalökonomie und Statistik an der Universität Basel.
  2. Über beide heißt es in der Basler Masterarbeit (2010, PDF) von David Reich: „La science des frontières“. Die Entwicklung der Nationalökonomie an der Universität Basel von 1910 bis 1927 – dargestellt am Beispiel des Ökonomen Julius Landmann (1877-1931), S. 31:
    "Der Nachfolger von Bücher, Theophil Kozak, scheint (gemäss dem wenig schmeichelhaften Urteil seiner Zeitgenossen) für die Stelle wenig qualifiziert gewesen zu sein,116 was aber die Erziehungsbehörden anscheinend nicht weiter störte, so dass sie ihn ohne weitere Nachforschungen und gegen den Rat Büchers als Extraordinarius für Nationalökonomie beriefen.117 Wohl in später Einsicht schuf man 1893 für einen weiteren Vertreter der 'Jüngeren Historischen Schule', Georg Adler (1863-1908),118 ein zusätzliches Extraordinariat für Nationalökonomie. Adler verabschiedete sich jedoch bereits 1897 wieder aus Basel, so dass nach einem kurzen Intermezzo 1899 Stephan Bauer (1864[sic]-1934), Privatdozent an der Technischen Hochschule in Brünn, das (unbesoldete) Extraordinariat neben Kozak übernahm.119 Möglich wurde dies, weil Bauer, ein überzeugter Kathedersozialist, neben seiner Lehrverpflichtung an der Universität die Leitung des 1901 gegründeten 'Internationalen Arbeitsamts' übernahm, und so indirekt sein unbezahltes Extraordinariat quersubventionierte. Das 'Internationale Arbeitsamt', eine private, aber auch von einigen Staaten finanziell unterstützte Organisation, beschäftigte sich mit Fragen des Arbeiterschutzes. Damit trat in Basel neben die Universität eine zweite Institution, die sich wissenschaftlich mit ökonomischen Fragen auseinandersetzte, im Gegensatz zur universitären Nationalökonomie aber auch internationale Bedeutung hatte.120"
    ____
    [...]
    116 So spricht der sonst überaus sachliche und zurückhaltende Fritz Mangold von einer Besetzung, 'die einem Missgriff sehr nahe kam' , MANGOLD 1931, S. 134. Stephan Bauer, der neben Kozak Extraordinarius war, äusserte sich in Briefen sehr abfällig über seinen Kollegen und dessen wissenschaftliche Befähigung. Vgl. dazu VON BERGEN, MATTHIAS: Nationalökonomie und Weltbürgertum. Ein Beitrag zur Biographie des internationalen Sozialpolitikers Stephan Bauer (1865-1934), Lizentiatsarbeit, Bern 1990, S. 17 [...]."
  3. Mit der Entdeckung der Plagiate kann Kozak nichts mehr zu tun gehabt haben, da die gedruckte Arbeit erst Mitte Juli abgeliefert worden, Kozak aber bereits am. 26.03.1913 gestorben war.
  • Zu den Plagiatsopfern:
  1. Theodor Rehbock (1864-1950) war Wasserbauingenieur und ab 1899 Professor für Wasserbau an der TH Karlsruhe, der er 1907/08, 1917/18 und 1925/26 als Rektor vorstand. Rehbock fungierte zudem als langjähriger Leiter des unter ihm errichteten und 1901 eröffneten "Flußbaulaboratoriums", an dem auch Haas nach eigenen Angaben (s.o.) zeitweilig als "Volontär-Assistent" tätig gewesen war.
  2. Bei dem weiteren Plagiatsopfer Curt Merckel (1858-1921) handelte es sich um einen Hamburger Baurat. Zu Merckels Buch, das Haas als Plagiatsquelle diente, heißt es bei Helmut Schneider: Von Hugo Blümner bis Franz Maria Feldhaus: Die Erforschung der antiken Technik zwischen 1874 und 1938, in: Die technikhistorische Forschung in Deutschland von 1800 bis zur Gegenwart, hrsg. von Wolfgang König und Helmuth Schneider, Kassel 2007, S. 85-116, bemerkenswerterweise:
    "Die Rezeption dieses in vielerlei Hinsicht beeindruckenden Werkes in den klassischen Altertumswissenschaften wurde dadurch erschwert, dass Merckel an keiner Stelle die in den Altertumswissenschaften übliche Zitierweise beachtet. So bietet er bei Zitaten antiker Texte normalerweise keine Stellenangaben, die griechischen und römischen Inschriften werden nicht hinreichend ausgewertet,58, viele Informationen scheinen allein aus der Sekundärliteratur übernommen zu sein. Wahrscheinlich wurde das Buch aus solchen Gründen von der Althistorie übergangen, es erhielt damit nicht die verdiente Resonanz.59" (S. 107)
  3. Das Plagiatsopfer Franz Reuleaux (1829-1905), war Maschinenbauingenieur, ab 1864 Dozent an der Berliner Gewerbeakademie (später TU Berlin) und 1890/91 Präsident der TU. Besondere Bedeutung hatten seine Arbeiten zur Kinematik, die er als technisches Fach begründete (zu seiner Biografie s.a. [1] und [2]).
  • Zur Plagiatsaufdeckung:
  1. Zwischen der Verleihung des Doktorgrads, der nachträglichen Entdeckung von Plagiaten, der Untersuchung des Falles und der Entscheidung zur Aberkennung vergingen 4 Monate (Juli – November 1913).
  2. Eduard Hoffmann-Krayer (1864-1936), der als Dekan der Philosophischen Fakultät die Aberkennung im Jahresverzeichnis bekanntgab, war Volkskundler (er begründete die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde) und germanistischer Mediävist. Ab 1900 wirkte er als Professor an der Universität Basel, von 1909 bis 1936 als ordentlicher Professor für Germanische Philologie.
  3. Laut einem Vermerk am Fuß der Seite im Jahresverzeichnis (s.o.) war die Annullierung zuvor bereits im Kantonsblatt Basel-Stadt vom 26.11.1913 bekanntgemacht worden.
  4. In den Hochschul-Nachrichten. Monatsübersicht über das gesamte Hochschulwesen des In- und Auslandes, hrsg. von Paul von Salvisberg [1855-1925], XXII. Jg., München 1913, S. 56, wurde in einer Kurzmitteilung berichtet:
    "Die abgeschriebene Dissertation.
    Die philosophische Fakultät promovierte im Sommer einen Ingenieur auf Grund einer Dissertation über Entwicklungsfragen der Wasserwirtschaft, die sich nachträglich in ihren wesentlichen Teilen als Abschrift eines anderen Werkes entpuppte. Das Diplom wurde deshalb annulliert."
  5. Sofern die Plagiate nicht schon unmittelbar nach der Einreichung der Arbeit im Juli 1913 in Basel entdeckt wurden, erscheint auch denkbar, dass ein Exemplar der Arbeit an Rehbock nach Karlsruhe gelangte, der die Übereinstimmungen schnell erkannt und seine Baseler Kollegen informiert haben könnte. Dazu würde immerhin passen, dass in der Aberkennungsbegründung lediglich auf die Rehbock-Rede als Plagiatsquelle verwiesen wurde, Recherchen nach weiteren möglichen Quellen hingegen wohl nicht mehr erfolgten (oder aber ergebnislos verliefen).
  6. In mindestens zwei deutschen Verbundkatalogen (Stand: 01.09.2013) enthält der bibliografische Datensatz auch Anmerkungen, die auf den Plagiatscharakter der Dissertation hinweisen:
    1. GBV: "Unter dem Datum des 18.11.1913 hat die Phil. Fak. der Uni. Basel das Doktordiplom annulliert, da die Arbeit ohne Zitatnennung in wesentlichen Teilen einen wörtlichen Abdruck von Th. Rehbock: Der wirtschaftliche Wert der binnenländischen Wasserkräfte ... darstellt"
    2. Online-Katalog der Staatsbibliothek zu Berlin: "Plagiat. Deshalb Doktordiplom annulliert".

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki