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Aberkennung des Doktortitels.

Es hat sich herausgestellt, daß die Dissertation "Die städtische Regie", auf Grund deren der Diplom-Ingenieur Alois Fritz aus Innsbruck 1916 an der Universität Heidelberg promovierte, zum großen Teil aus einem Buch von Paul Mombert "Die Gemeindebetriebe in Deutschland" (Schriften des Vereins für Sozialpolitik 128; 1908) abgeschrieben ist. Dem Alois Fritz ist daraufhin von der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg das Recht zur Führung des Doktortitels aberkannt und seine bereits gedruckte Dissertation für ungültig erklärt worden, was hierdurch amtlich bekanntgegeben wird.

Die Philosophische Fakultät der Universität Heidelberg
Hoops, Dekan.


Dissertation:

Plagiatsquelle:


Anmerkungen:

  1. Im Rahmen der Titelaufnahme wurde über den Autor mitgeteilt:
    "Heidelberg, Phil. Diss. v. 19. Aug. 1916, Ref. Gothein
    [Geb. 21. Okt. 84 Innsbruck; Wohnort: Heidelberg; Staatsangeh.: Österreich; Vorbildung: OR. Innsbruck, Reife 04, Studium; München TeH. 12, Erlangen 1, München 2, Heidelberg 1 S.; Rig. 14. April 16]"
  2. Der Promovend war demnach zum Zeitpunkt der Prüfung 31 Jahre alt und hatte 16 Semester an vier verschiedenen Universitäten studiert.
  3. Ein handschriftlicher Zusatz unten auf dem Katalogblatt der Bayerischen Staatsbibliothek lautet unter Bezug auf die oben zitierte Mitteilung: ''Die Abhandlung ist großenteils aus Paul Mombert, Die Gemeindebetriebe in Deutschland, 1908, abgeschrieben. Die Dissertation wurde deshalb für ungültig erklärt und dem A. Fritz das Recht zur Führung des Doktortitels aberkannt. Lit[erarisches]. Z[en]tr[a]lbl[att]. 1923, S. 2[?]40."
  4. Im DNB-Datensatz heißt es unter "Anmerkungen":
    "Dissertationsvermerk "Heidelberg, Phil. Diss., 1916" entfernt, da Aberkennung des Doktortitels; Informationsquelle: Literarisches Zentralblatt, 1. April 1923 Nr. 13/14, Sp. 240".
  5. Beim angegebenen Referenten handelt es sich um Eberhard Gothein (1853-1923), der seit 1904 in Heidelberg lehrte und Max Weber auf dem dortigen Lehrstuhl für Nationalökonomie nachgefolgt war.
  6. Über ihn heißt es bei Michael Maurer: Eberhard Gothein (1853-1923). Leben und Werk zwischen Kulturgeschichte und Nationalökonomie, Köln/Weimar/Wien 2007, S. 210, Fn. 117:
    "Max Weber spricht schon 1908 abschätzig von Gotheins 'Doktorfabrik', der sein Bruder [Alfred Weber, der damals von Prag nach Heidelberg wechselte] ein Ende machen werde [...]. Im Jahr darauf warnt er Edgar Jaffé davor, daß Gothein, wenn man ihn machen ließe, die Ergänzungshefte des Archivs für Sozialgeschichte und Sozialpolitik 'einfach mit all seinen Doktorarbeiten, die oft (so die über New York) sehr wenig fertiggearbeitet sind, zu überschwemmen suchen' würde [...]."
  7. Zu Gotheins Betreuungs- und Prüfungspensum schreibt Maurer, aus Briefen Gotheins an dessen jüngeren Bruder Georg zitierend (ebd., Fn. 118):
    "[... 1918:] 'Dazu hatte ich allein 20 Doktoranden, überwiegend Frauen, meines Fachs, deren Arbeiten ich doch fast durchweg geleistet habe, daß ich buchstäblich zu nichts anderm gekommen bin.' 7.12.1919: 'Die Universitätsarbeit wächst in's Riesenhafte. Alles will Nationalökonom werden, alles Doktorarbeiten, jeder die für ihn geeignetste haben.' 10.7.1920: '[...] 158 Leute im Seminar und 65 Arbeiten, die ich gegeben habe und leite und wöchentlich 3-5 Doktorexamina'. Dezember 1920: 'Leider muß ich nun bald wieder weg und morgen Nachmittag nochmals 4 Candidaten, die zum Fest als Doktoren heimkehren wollen, prüfen. 15 Doktorarbeiten, die alle bei mir gemacht sind, hatte ich in den letzten zwei Wochen zu bewältigen, und weitere 15, die nach Weihnachten drankommen, liegen auf dem Schreibtisch. So geht es das ganze Jahr, und schließlich ist es ja jetzt der ganze nationalökonomische Unterricht, wenn er richtig gegeben wird, darauf angelegt, die Leute zu selbständiger Arbeit zu erziehen.' 19.8.1921: '72 [?] Doktor [...] Dissertationen, die ich meist selber gegeben und geleitet habe'. 5.8.1922: 'Der wahnsinnige Zudrang zum nationalökonomischen Studium hält immer noch an. Was es heißen will, in einem Sommersemester allein 81 Doktorarbeiten zu geben, zu leiten, zu prüfen und nachher die Examina zu halten, kann man sich kaum vorstellen. Und das Gefühl der Verantwortlichkeit für diese Leistungen der Schüler darf doch nicht nachlassen. Nach allem kann ich doch ziemlich stolz darauf sein, daß das Niveau der Arbeiten sich unablässig gehoben hat und jetzt sehr hoch steht. Die Jungens – unter denen übrigens die Mädel fast die besten sind – werden aber auch von 1sten Semester ab von mir mit Ausflügen, Seminarübungen, Colloquien, mit beständiger Lehre, wie man die Interessenten ausfragt, Material beschafft, Arbeiten gliedert und aufbaut, in die Mache genommen.' [...]"
  8. Über Heidelberg und Gothein äußerte sich auch der Schriftsteller Ernst Toller (1893-1939), der 1917 von Weber an die Universität Heidelberg eingeladen worden war, in seiner Autobiografie Eine Jugend in Deutschland (1933):
    "Von Lauenstein fahre ich zum Wintersemester nach Heidelberg. Söhne aus bürgerlichen Familien, die nicht wissen, was sie mit sich anfagen sollen, studieren Nationalökonomie, das ist Brauch und Mode. In Deutschland gehört es zum guten Ton, in allen Lebenslagen 'Doktor' zu sein, und wer's nicht ist, dem verleihen Zimmervermieterinnen und Hotelwirte, Kellner und Straßenmädchen den nichtssagenden Titel. Die Heidelberger Fakultät [für Nationalökonomie] hat den Ruf einer Doktorfabrik. Des alten gutmütigen Professor Gothein Fragen, die sich seit Jahrzehnten wiederholen, sind sorgfältig von 'Einpaukern' notiert, nebst richtigen Antworten werden sie den bedürftigen Studenten verkauft."

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